Ranjith Henayaka: “Mit dem Wind fliehen”,

Mit dem WindDer Tamile Nathan erlebt Verfolgung und Folter in Sri Lanka, kommt dann über die DDR nach München. Dort muss er als Asylbewerber die Schikanen der deutschen Bürokratie durchstehen. Ranjith Henayakas schonungsloser Roman macht das anonymisierte Leid konkret erfahrbar.

Seit 30 Jahren lebt Ranjith Henayaka in Deutschland. “Mit dem Wind fliehen” ist das erste Buch, das er auf Deutsch verfasst hat. Seine Sprache ist schlicht, schnörkellos, lapidar – umso drastischer und eindringlicher liest sich die Geschichte seiner beiden Protagonisten Nathan und Kamala. Sie erleben nicht nur in ihrem Heimatland Sri Lanka Diskriminierung und unfassbare Gewalt. Das Buch klagt vor allem den täglichen Rassismus in Deutschland und Europa an.

Der Roman spielt in den 80er-Jahren. Im Norden Sri Lankas bekämpfen sich rivalisierende tamilische Gruppen. Auch wenn sie alle dasselbe Ziel haben – einen unabhängigen tamilischen Staat – scheuen sie nicht davor zurück, Angehörige der eigenen Ethnie zu töten. Nathan, selbst tamilischer Freiheitskämpfer, entkommt knapp einem Attentat durch seine Landsleute. Seine Familie wird dafür um so härter bestraft: Die Mutter wird umgebracht, Kamala, Nathans Frau, vergewaltigt. Nathan flieht in die Hauptstadt Colombo und gerät als potentieller Terrorist in die Hände der singhalesischen (und damit anti-tamilischen) Staatsgewalt. Bestürzend grausame (und detailgenau beschriebene) Folter überlebt Nathan nur knapp.

Auf Druck eines einflussreichen singhalesischen Journalisten entkommt er der Haft. Politische Gruppen und Freunde finanzieren mühsam eine Ausreise über die DDR nach Deutschland, wo Nathan politisches Asyl beantragt. Das Verfahren dauert Jahre. Er darf weder arbeiten noch die Stadtgrenzen seiner neuen “Heimat” München verlassen. Schikane von Seiten der Behörden wird zum neuen Alltag, der Rassismus auf der Straße ebenso. Nathan gibt nicht auf. Er lernt Deutsch, organisiert sich mit anderen Betroffenen – darunter vielen Afrikanern – und versucht, die desolaten, menschenunwürdigen Verhältnisse im Wohnheim zu verbessern.

Ranjith Henayaka ist weder Tamile noch musste er selbst je in einem Asylbewerberheim leben. Dennoch liefert sein Buch seltene Innenperspektiven. In plastischen Szenen zeigt er einerseits die Gewaltspirale und Verfolgung einer ethnischen Minderheit in seinem Heimatland. Und schildert andererseits den Alltag von Asylbewerbern in Deutschland, beschreibt die amtlich verordnete Qual des Nichtstuns, die subtilen behördlichen Mechanismen gegen die noch so kleinste Beschäftigung. Der Autor macht das Gefühl nachvollziehbar, wie es ist, hier wie dort als permanent misstrauisch beäugter Mensch zweiter und dritter Klasse zu leben.

Und Henayaka geht noch weit darüber hinaus – am Beispiel der zweiten Hauptfigur Kamala und ihrer illegalen Flucht am Ende des Buchs. Nach sieben Jahren familiärer Trennung macht sie sich mit einer Schlepperbande von Sri Lanka auf den Weg zu ihrem Mann. Die minutiöse Innensicht einer Irrfahrt durch halb Europa – als alleinstehende Frau mit Kind – ist schonungslos. Und sie hinterlässt eindringlicher als jede Reportage Bilder, die lange nachhallen.

“Mit dem Wind fliehen” ist ein Buch, das wenig Rücksicht auf die Belastbarkeit seiner Leser nimmt. Aber es macht das anonymisierte Leid vieler Flüchtlinge ganz konkret erfahrbar. Am Schicksal zweier junger Tamilen, die um ihr Leben kämpfen.

Besprochen von Olga Hochweis

Ranjith Henayaka: Mit dem Wind fliehen
Horlemann Verlag, Bad Honnef 2010
320 Seiten, 19,90 Euro

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *